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Marktradar vom 23. Januar 2023

Marktradar vom Montag, 23. Januar 2023 von Stefan Pröhl

Marktradar für Montag, 23. Januar 2023

Ab jetzt Rückenwind statt Gegenwind ?

Nahezu alle Regionen dieser Welt liegen gemäß Marktradar im kaufbaren Bereich. Der ETF auf den S&P 500 (SPY) erhält für heute wieder den Tagesstempel “Kaufen oder Aufstocken”, nachdem er am Donnerstag für einen Tag auf “Unter Beobachtung” abgestuft worden war. Die Marke von 390 US-Dollar konnte im US-Leitindex am Freitag zurückerobert werden; damit sollte der Short-Attacke vom Mittwoch erst einmal “der Wind aus den Segeln” genommen worden sein. Ob der Wind nun auch so dreht, dass wir Rückenwind statt Gegenwind bekommen, müssen die nächsten Tage zeigen.

Nur noch ein “bärischer Fleck” auf der Weltkarte

Indien (INDA) erhält für heute erstmals seit längerer Zeit wieder den Tagesstempel “Kaufen oder Aufstocken”. Indonesien (EIDO) wird vermutlich am Dienstag auf “Bodenbildung oder Seitwärts” hochgestuft (aktuell noch “Unter Beobachtung”).

Der einzige “bärische Fleck” auf der weltweiten Landkarte ist Pakistan. Hier ist weiter Abwarten angesagt; auf Sell-Off zu spekulieren halte ich wegen der geographischen Marktbreite, mit der die Bullen inzwischen nahezu alle Regionen dominieren, für nicht angebracht.

Es fehlt natürlich Russland. Der entsprechende ETF (RTX) ist wie die darin enthaltenen Aktien für US-Amerikaner und Westeuropäer nicht handelbar und befindet sich damit nicht in meinem Radarbereich. Dennoch habe ich mir heute mal die Kursentwicklung im MICEX (Moscow Interbank Currency Exchange) angesehen. Auch russische Aktien haben ihr Tief Anfang Oktober gefunden und steigen seitdem recht stetig nach oben. Zumindest charttechnisch müsste für russische Aktien also grünes Licht gegeben werden.

Was sehen wir unter dem Radar der großen US-Aktienindizes ?

Ich hatte oben schon die Short-Attacke vom vergangenen Mittwoch angesprochen, die wir in den großen US-Aktienindizes gesehen haben. Wer neue Trends in US-Aktien früh erkennen möchte, sollte nun danach Ausschau halten, welche Branchen das Tageshoch vom Mittwoch am Freitag per Tagesschluss überschritten haben. Diese Branchen könnten die Leader der kommenden Wochen werden.

Wird Uran nun zu einem Branchen-Leader ?

Zum Einen fiel uns der ETF für den Bereich Uran auf:

Der entsprechende ETF für den Bereich Uran (URA) schloss am Freitag über dem Tageshoch vom Mittwoch – das war der Tag der Short-Sell-Attacke gewesen. Zugleich verorten wir im Chart ein 4-Monats-Hoch. Während die meisten Branchen-ETFs die jüngste Aufwärtsbewegung nach dem 3. Januar begannen, konnte der URA-ETF bereits vor Weihnachten (am 20. Dezember) den jüngsten Up-Move starten. 

Eine Trendfrühererkennung ist hier also rückblickend verortbar. Das nützt uns Trader aber nichts. Denn wir suchen die Chancen von morgen. Nicht die Chancen von gestern.

Ein höheres Hoch ist im Chart von URA erstmals wieder am 11. Januar sichtbar geworden. Dieses Zwischenhoch ist am Freitag überschritten worden, so dass nun die Bodenbildungsphase gemäß simpler Dow-Theorie abgeschlossen sein könnte. Der URA-ETF könnte nun den horizontalen Widerstand bei 22 US-Dollar, um dessen Überwindung im ETF in den vergangenen Handelstagen gerungen wurde, nachhaltig überwunden haben (Schlusskurs am Freitag: 22,30 US-Dollar). Das Handelsvolumen im ETF war am Freitag relativ hoch, so dass die erhöhte Kaufbereitschaft unsere Spekulation unterstützt.

Schauen wir uns nun den Marktführer aus der Uran-Branche an:

Der Chart von dem in Kanada beheimateten Marktführer Cameco (CCJ; Marktkapitalisierung: 11 Mrd. US-Dollar) bestätigt die Bewegung im Uran-ETF. Cameco ist mit einem Anteil von ca. 22 % auch die am höchsten gewichtete Position im URA-ETF. Die Aktie konnte am Freitag den horizontalen Widerstand um 25,80 US-Dollar bei steigendem Handelsvolumen “knacken”. 

Spekulative Trader könnten am Montag diesem Impuls folgen und eine Position in Cameco aufbauen – sofern das moralische Gewissen mitspielt.

Uran oder Kohle ? Welche Branche favorisieren die Börsianer jetzt ?

Einige Aktien aus dem Bereich Kohle zeigten am Freitag übrigens auch einen Trendschub nach oben. Arch Resources (ARCH; Marktkapitalisierung: 2,6 Mrd. US-Dollar), Warrior Met Coal (HCC; Marktkapitalisierung: 2 Mrd. US-Dollar) und Ramarco Resources (METC; Marktkapitalisierung: 500 Mio US-Dollar) schlossen am Freitag über dem Tageshoch vom Mittwoch. Der Short-Float bei diesen Aktien liegt bei 13 (ARCH), 8 (HCC) bzw. 6 (METC) %, so dass diese Aktien nur für kurzfristig am Markt orientierte Trader interessant sein dürfte. 

Shortseller werden zu verhindern wissen, dass der Kursverlauf in diesen drei Kohle-Aktien in eine trendstabile, länger andauernde Aufwärtsbewegung wechselt.

Außerdem konnten größere Player aus dieser Branche wie Peabody Energy (BTU; Marktkapitalisierung 4 Mrd. US-Dollar) oder Alliance Resource Partners (ARLP; Marktkapitalisierung: 2,5 Mrd. US-Dollar) am Freitag nicht über das Tageshoch vom Mittwoch steigen. In der Aktie von Peabody Energy sichten wir einen Short Float von mehr als 10 %. Damit bereiten sich Börsianer bereits jetzt auf das Ende der Aufwärtsbewegung in den Kohle-Aktien vor, die 2022 mit zu den stärksten Outperformern im US-Branchen-Universum gehört haben.

Wer auf das Thema Energieknappheit setzt, sollte an der Börse nun lieber auf Uran statt auf Kohle setzen.

Das Thema Energieknappheit regt Börsianer mehr auf als das Thema Klimawandel

Solange das Thema Energieknappheit die Börsianer mehr aufregt als das Thema Klimawandel, dürften Aktien aus dem Bereich Uran weiterhin gefragt sein. 

Anleger mit Weitsicht suchen ihre Chancen natürlich lieber bei Aktien aus den Bereichen Solar, Windkraft oder Wasserstoff. Aktien aus diesen Zukunftsbranchen wurden ab Mittwoch jedoch humorlos nach unten gedrückt und konnten nach dieser Prügel am Freitag nur ein wenig zucken – von Rebound-Phantasie sahen wir in Solar-Aktien wie Enphase (ENPH) oder Solaredge (SEDG) am Freitag so gut wie nichts.

Ergeben sich nun Chancen im Thema Digitale Kommunikation ?

Zum Anderen fiel uns die Branche Digitale Kommunikation auf

Der XLC-ETF, der Aktien enthält, die im Bereich digitaler Kommunikation tätig sind, konnte am Freitag ebenfalls das Tageshoch vom Mittwoch überwinden. Außerdem konnte ein neues 4-Monats-Hoch generiert werden. In dieser Branche lassen sich sowohl defensive Telekommunikationsanbieter wie AT&T (T), Verizon (VZ) oder T-Mobile (TMUS) finden, als auch eine Aktie wie Meta Platforms (META). Die Muttergesellschaft von Facebook stellt mit 16 % Gewichtung sogar die mit Abstand größte Position im ETF dar. 

META sollte auch der Grund für den charttechnischen Ausbruch im XLC-ETF gewesen sein, denn die Aktie von Meta Platforms konnte am Freitag ein neues 3-Monats-Hoch erklimmen. Telekomdienstleister wie AT&T, Verizon oder T-Mobile notieren hingegen unter dem Tageshoch vom Mittwoch, wobei Verizon von der Rebound-Bewegung am Freitag am wenigsten profitieren konnte.

Noch eine Vision: Menschen chatten im Weltall

Beim Scannen von Nischenplayern aus dem Bereich Digitale Kommunikation bin ich auf eine interessante Aktien gestoßen:

Iridium Communications (IRDM; Marktkapitalisierung: 7,5 Mrd. US-Dollar) bietet satellitengestützte Smartphone-Dienste an, wobei die US-Regierung der größte Kunde ist. Noch Ende letzten Jahres wurden Gerüchte laut, dass Iridium Communications einen Deal mit Samsung Electronics eingehen könnte. Ziel der Zusammenarbeit wäre gewesen, textbasierte Smartphonedienste auch in dünn besiedelten Gebieten möglich werden zu lassen, wo Funkmasten nicht so verbreitet sind. Apple hatte sich in diesem Zusammenhang mit Globalstar zusammengetan, während T-Mobile nun mit dem Unternehmen SpaceX von Elon Musk kooperiert und Starlink als Quelle für digitale Übertragungen nutzt.

Es kam aber anders als gedacht. Am 5. Januar gab Iridium Communications eine Kooperation mit Qualcomm bekannt. Matt Desch, CEO von Iridium Communications, begründete die Kooperation mit Qualcomm mit folgenden Worten: 

“Während einige erwartet haben, dass wir unser System in ein bestimmtes Smartphone integrieren würden, ist das, was wir getan haben, so viel größer. Die Zusammenarbeit mit einem führenden Anbieter wie Qualcomm und seinen leistungsstarken Snapdragon-Plattformen ermöglicht es Iridium, die Smartphone-Branche horizontal zu bedienen – und bietet uns die Möglichkeit, in Zukunft andere Verbraucher- und Fahrzeuganwendungen zu ermöglichen. Dies unterstützt unsere umfassendere Vision, Menschen überall auf der Welt miteinander zu verbinden.” 

Mit der Formulierung “andere Fahrzeuganwendungen” zielte Matt Desch darauf ab, dass Iridium Communications bisher seine auf Satellitentechnologie beruhenden Kommunikationsdienste vor allem für Schiffe und Jets sowie in Raumstationen und Astronautenanzügen zwecks Kommunikation im All installiert hatte. Natürlich sollen – so die Vision – von Satelliten gesteuert auch Dinge untereinander (Internet-of-Things) dort kommunizieren können, wo sich kein Mensch in der Nähe befindet.

Nach der Bekanntgabe des Deals mit Qualcomm stieg die Aktie am 6. Januar von 53,18 auf 59,99 US-Dollar. Aktuell notiert die Aktie bei 60,01 US-Dollar, konnte sich also nach Bekanntgabe der Zusammenarbeit mit Qualcomm bisher gut behaupten. 

Iridium Communications notiert nahe am Allzeithoch, obwohl diese Aktie Bestandteil des Cathy Wood Universums ist. Eine absolute Seltenheit für die sicherlich auch zurecht kritisierte, ehemalige Star-Fondsmanagerin. In ihrem ARK Space Exploration & Innovation ETF (ARKX) stellt Iridium Communications die zweitgrößte Position dar und ist aktuell mit ca. 8,5 % gewichtet.

Was am Freitag sonst noch “rockte”:

Abschließend sei noch gesagt, dass wir am Freitag auch in den ETFs für Lithium (LIT), chinesische Internet-Aktien (KWEB), Social Media (SOCL) und im Bitcoin (BITO) per Schlusskurs neue Hochs gegenüber Mittwoch sahen. Die größte Position im Lithium-ETF, Albemarle (ALB), konnte den Ausbruch am Freitag aber nicht bestätigen. 

Der ETF IGV, der Aktien aus dem Bereich Software hält, schloss immerhin nah am Hoch vom Mittwoch, so dass wir nun in dieser zuletzt doch recht schwachen Branche in Kürze positive Kursbewegungen sehen könnten. 

Aktien aus dem Bereich Technologie zeigten sich zuletzt deutlich stärker als defensive Branchen wie Healthcare, Pharma oder Basiskonsumgüter

Die defensivste Branche schlechthin, die Energieversorger, steht womöglich sogar vor einer Abstufung auf “Abwarten oder auf Sell-off spekulieren” (ETF: XLU).

Ist der Bullenmarkt bald nicht mehr zu umgehen ? 

Innerhalb des Industriesektors zeigen sich Aktien aus dem Bereich Stahl (ETF: SLX) weiterhin trendstark. Auffällig ist aber die schon im Marktradar von Freitag erwähnte Schwäche bei Aktien aus dem Bereich Rüstung. Auch der ETF für Infrastruktur (PAVE) beginnt, auf hohem Niveau, erste kleine Anzeichen von Schwäche zu zeigen. Sollte der Bereich Technologie, und insbesondere Aktien aus dem Chip-Sektor (Semiconductors; ETF: SMH), der zyklischen Old-Economy den Rang ablaufen, dann dürfte ein neuer Bullenmarkt auch in den USA kaum noch zu umgehen sein.

Bonds und Silber im Standort-Check

Abschließend möchte ich noch auf Bonds und den Silberpreis eingehen:

Quo Vadis TLT ?

Für heute vergibt der Marktradar einen Entry Stempel für den ETF für langlaufende US-Staatsanleihen 20Y+ (TLT) auf der Longseite. Das heißt, dass ein Swing-Trade aufgesetzt werden könnte. 

Obwohl der TLT-ETF bisher keine negative Korrelation zum ETF für den S&P 500 (SPY) zeigt, korrelierte er am Freitag invers zum S&P 500. Das heißt, er schloss im Minus, während der S&P 500 im Plus schloss. Im längeren Time-Frame können wir diese inversen Bewegungen aber nicht beobachten. Diese tauchen bisher nur vereinzelt auf. Der Markt scheint hier selbst nicht zu wissen, wie sich Bonds und Aktien in Zukunft verhalten werden. Der Markt hat eben nicht nur immer recht, sondern er zeigt uns auch, wenn er selbst nicht weiß, wo rechts und links nun zu verorten wären. Das macht ihn fast ein bisschen menschlich. Ich bin schon gespannt, was der Markt im Metaversum, sofern es mal kommt, für einen Avatar verpasst bekommt.

Quo Vadis SLV ?

Im ETF für den Silberpreis (SLV) verorten wir für letzten Donnerstag, den 18. Januar eine besondere Candlestick im Tageschart. Wir sehen eine Kerze, die sowohl ein höheres Hoch als auch ein höheres Tief gebildet hat. Wenn wir an einem Handelstag beide Muster in einer Kerze versammelt sehen, ist das ein Zeichen für Orientierungslosigkeit während einer Aufwärtsbewegung. Nun ist nämlich ein Ausbruch über das höhere Hoch oder unter das höhere Tief zu erwarten. Je nachdem, zu welcher Bewegung sich der Markt in Kürze entschließt, sollten wir bei Ausbruch davon ausgehen, dass diese Bewegung dann für ein paar Tage die Trendrichtung bestimmen wird. Wird das höhere Hoch überwunden, dann wird die Trendbewegung fortgesetzt. Wird das höhere Tief unterschritten, könnte es zum Richtungswechsel kommen.

Ich spekuliere grundsätzlich darauf, dass der Silberpreis den Silberminen folgen wird. Diese haben sich zuletzt aber uneinheitlich entwickelt und spiegeln die Orientierungslosigkeit im Silberpreis wider. 

So rutschte First Majestic Silver (AG) am Freitag zumindest intraday auf ein 2-Monats-Tief herab. Wheaton Precious Metals (WPM) erklomm hingegen am Freitag ein neues 8-Monats-Hoch. 

Im Bereich Silberminen trennt sich aktuell die Spreu vom Weizen. Die fundamental guten Aktien steigen auf neue Hochs, die fundamental schlechten Aktien fallen auf neue Tiefs. Analysten sprechen hier gern von “notwendiger Bereinigung”. So was ist grundsätzlich gesund und sollte tendenziell den bestehenden Trend unterstützen.

Ich gehe aktuell davon aus, dass die “guten Aktien” bestimmen werden, in welche Richtung es weitergeht.

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